Liebe Genossinnen, alle von euch kennen den Equal Pay Gap, der besagt, dass Männer immer noch mehr Geld für die gleiche Arbeit bekommen. Aber habt ihr schon mal vom Gender Care Gap gehört? Wenn wir uns anschauen, wer den Großteil von Care- und Sorge-Arbeiten macht, liegt der Gender Care Gap immer noch bei über 50%. Das heißt, dass Frauen am Tag 90 Minuten mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Genauso wie der Equal Pay Gap ist der Gender Care Gap ein Maß für die strukturelle Ungleichverteilung von Arbeit und damit ein Maß für Ungerechtigkeit.
Das ist natürlich ein riesiges Problem, aber da diese Demo unter dem Motto „Solidarisch kämpfen für die Utopie“ läuft, möchte ich an dieser Stelle mit euch zusammen darüber nachdenken wie eine gerechtere Arbeitsverteilung auf allen Ebenen aussehen könnte.
Wir denken, ein Ende der vergeschlechtlichten Arbeitsteilung kann es nur über eine völlige Umgestaltung der Arbeit insgesamt geben. Wir müssen unser Verhältnis zu Care- und Sorgearbeit, der Art, wie wir den gesellschaftlichen Wohlstand verteilen und wie Gesellschaft insgesamt organisiert ist, grundsätzlich ändern.
Die gesellschaftliche Abwertung von Care- und Sorgearbeit als Arbeit, die weniger „wert“ ist muss aufgehoben werden. Care- und Sorgearbeit ist notwendig, damit eine Gesellschaft funktioniert! Wie sähe denn Gesellschaft aus, wenn niemand mehr in der Pflege arbeiten würde, niemand Kinder erziehen oder niemand Freundschaften aufbauen und pflegen würde?
Doch das Problem ist, dass die Ausübung dieser Tätigkeiten hauptsächlich weiblich gelesenenen und sozialisierten Personen zugeschrieben wird. Häufig wird das verbunden mit Aussagen wie: „die können das ohnehin viel besser“ und „Frauen sind sowieso empathischer“. Nein sind wir nicht!
Frauen wurden nur ihr Leben lang mit genau diesen Geschlechterstereotypen und Anforderungen erzogen und haben diese Fähigkeiten erlernt und internalisiert. Männer könnten es genauso, müssten sich aber die Mühe machen eigene Rollenmuster zu hinterfragen, mit Erwartungen an Männlichkeit zu brechen und Care und Sorgearbeit zu erlernen. In unserer Utopie wird Sorge-Arbeit von allen Menschen, unabhängig ihres Geschlechts mit Freude geleistet.
Ein anderes Problem ist, aber, dass all diese Tätigkeiten nicht als „richtige“ Arbeit angesehen werden, sondern als erfüllende Aufgaben, die einen ideellen Wert haben. Diese Aufgaben werden auf Grund des scheinbar ideellen Wertes nicht entlohnt. Oft genug enden die Menschen, die in Familien den größten Anteil an Sorgearbeit leisten in einem finanziellen Abhängigkeitsverhältnis zum (Ehe)partner und in Altersarmut. Das trifft überproportional oft Frauen. Doch für die allermeisten Haushalte ist es gar nicht mehr möglich, dass nur eine Erwachsene arbeiten geht. Oft leisten weiblich sozialisierte Menschen sowohl die bezahlte Lohnabreit, als auch die unbezahlte Care-Arbeit.
Dadurch entsteht eine Doppelbelastung und Frauen sehen sich mit Vorwürfen konfrontiert, gleichzeitig nicht leistungsstark genug oder eben „keine gute Mutter“ zu sein.
In unserer Utopie sind produktive und sorgende Tätigkeiten gleich viel Wert und keine getrennten Formen von Arbeit, die gegeneinander ausgespielt werden.
Auch ein Blick in die Geschichte linker feministische Bewegungen zeigt, dass es vielfältige Versuche gab, Sorgearbeit anders zu gestalten.
Viele sozialistischen Aufbauversuche begannen gleich zu Anfang damit, möglichst viele Hausarbeiten der Sphäre der Kernfamilie zu entziehen. Beispiele hierfür sind die flächendeckende Einrichtung von organisierten öffentlichen Küchen, um alle Menschen in gemeinschaftlicher Arbeit und in kollektivem sozialen Rahmen mit Essen zu versorgen. Unsere Voküs und Küfas haben sich aus diesem Gedanken entwickelt.
In den Kibbuzim, den ländlichen Kollektivsiedlungen in Israel, die geteiltes Eigentum und basisdemokratische Strukturen haben, war und ist es üblich, Kindererziehung gemeinschaftlich zu übernehmen. Und auch die Kinderläden, die aus der Autonomen Frauenbewegung entstanden sind, gründen auf dem Gedanken, Sorgearbeit kollektiv zu organisieren.
Das sind Beispiele für den Versuch, gesellschaftlich notwendige Arbeiten effizient und kollektiv zu organisieren, anstatt sie in den patriachalen Verhältnissen in der bürgerlichen Kleinfamilie zu belassen. Denn um das noch mal so deutlich zu sagen: das sind keine „Frauenarbeiten“! Das sind Tätigkeiten, die für die gesamte Gesellschaft relevant sind!
Auch eine flächendeckende Versorgung mit kollektiven Pflegeeinrichtungen für Kinder, Alte und Kranke müssen Teil einer vernünftigen und solidarischen Organisation dieser Bereiche sein. Dazu zählt auch die Versorgung mit therapeutischen und gesundheitlicher Versorgung. Entscheidend hierfür wäre, dass diese Bereiche nicht nach kapitalistischen Kriterien von Profit und Wachstum strukutiert sind. Fürsorge lässt sich weder quantifizieren, noch bringt sie Profit! Sie funktioniert nicht in diesen Strukturen.
In unserer Utopie sind sowohl produktive, als auch Care- und Sorgearbeit gemeinschaftlich und damit effizienter organisiert!
Aber: So einfach ist es mit den Sorgearbeiten dann doch nicht. Auch wenn es wichtig ist, reicht es nicht, sie möglichst effizient – quasi industriell – zu organisieren. Hausarbeit wird sich nie in Gänze abschaffen lassen. Sorge- und Pflegearbeiten leben von der persönlichen Beziehung und können und sollten nicht komplett in die geselschaftliche Sphäre verlagert werden. Wie wollen wir also diese Arbeiten in einer vernünftigen und solidarischen Gesellschaft organisieren?
Das Konzept der Arbeit in dieser Gesellschaft hat unserer Meinung nach zwei große Fehler: Arbeiten, mit denen sich Profite erwirtschaften lassen sind tendenziell höher angesehen und besser bezahlt als Andere. Egal wie unsinnig sie eigentlich sind.
Und es wird erwartet, dass wir 5 Tage die Woche fast unser ganzes Leben lang Lohnarbeit ausüben. Dabei sollen wir flexibel bleiben und am besten noch in unserer Tätigkeit aufgehen. Uns mit ihr identifizieren, um sie möglichst produktiv und selbst-ausbeuterisch, auszuüben.
Diese beiden Aspekte gilt es zu überwinden, wollen wir die Verteilung von Arbeiten vernünftig gestalten. Wir müssen jede Arbeit in ihrem Wert für die Gesellschaft anzuerkennen und aufhörenn, die einen Tätigkeiten auf- und die anderen Tätigkeiten abzuwerten.
Daraus folgt unmittelbar, dass allen Menschen der Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand zustehen muss, den sie brauchen. Ob ich in einer Fabrik arbeite, oder Kinder groß ziehe, ob ich Kernphysikerin bin oder mich um Alte und Kranke kümmere: In unserer Utopie wird hier keine Wertigkeit unterschieden, weder werden die einen reich, noch die anderen arm oder ökonomisch von anderen abhängig sein!
Gleichzeitig wollen wir die Art der Verteilung von Arbeit anders gestalten. Alle Menschen sollen gleichermaßen an Haus- und Sorgearbeiten beteiligt sein, genauso wie an allen anderen Tätigkeiten und Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Das Konzept, das ganze Leben in Vollzeit Hausarbeit oder einer Erwerbsarbeit nachzugehen wollen wir überwinden zugunsten einer Gesellschaft, in der wir alle zu verschiedenen Zeiten frei und selbstbestimmt den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgehen. Zugunsten einer Gesellschaft, in der in der wir die Zeit und Kraft haben, uns um einander zu kümmern und Verantwortung füreinander zu tragen – sei es in der Pflege, Erziehung, Bildung oder sich um einander zu sorgen und füreinander da zu sein.
Wir wollen gemeinsam organisieren, wie wir leben, wie wir arbeiten und wie wir füreinander und unsere Umwelt Sorge tragen. Anstatt uns in prekären und sinnlosen Jobs ausbeuten zu lassen, wollen wir sinnvolle und selbstbestimmte Arbeit in gemeinschaftliches und solidarisches Zusammenleben investieren.
Und das, liebe Genoss*innen, das geht nur mit dem Feminismus.