Wir stehen heute hier, weil wir für unsere Existenz und unser Leben kämpfen. Dieser Kampf findet nicht nur heute statt – es ist ein persönlicher und kollektiver Kampf, den wir als Flinta* jeden Tag aufs Neue führen müssen. Ein Kampf um Sichtbarkeit, um körperliche und psychische Unversehrheit und für viele von uns ein Kampf ums Überleben. Die Auswüchse des Patriarchats spüren wir tagtäglich, beispielsweise in Form von Doppelbelastung
durch Lohn- und Carearbeit und Altersarmut – bis hin zu den brutalsten Formen von körperlicher und sexueller Gewalt.
Die Zeiten sind düster. und wir wollen nicht so tun als wäre es je viel besser gewesen. Dennoch erleben wir aktuell wieder sehr deutlich, dass es die Errungenschaften feministischer und queerer Kämpfe sind, die dem rechten Backlash mit als Erste zum Opfer fallen. Es ist völlig klar, wen Rechte und Konservative bis Liberale in die Pflicht nehmen wollen, wenn es um die gesellschaftliche Umverteilung von Sorgearbeit geht: Was durch Kürzungen an vormals staatlich finanzierter Fürsorge wegfällt, soll im Privaten- am besten in der wieder zunehmend beschworenen und geforderten Kleinfamilie – durch die unbezahlte Arbeit von Frauen und Queers aufgefangen werden.
Im Antifeminismus und der Queerfeindlichkeit vereinen sich rechte und autoritäre Projekte weltweit. Diese Ideologien bieten den Nährboden für die systematischen Angriffe auf diverse CSDs in den letzten Jahren und für die allein in diesem Jahr 84 verübten Femizide in diesem Land. Zuletzt erst wurde die aktuelle Übersicht über Fälle häuslicher Gewalt veröffentlicht: die Zahlen der Betroffenen in Deutschland sind höher denn je.
Feministische Kämpfe werden von rechts zurecht als Bedrohung erkannt, dabei aber ebenso rigoros abgewehrt, verklärt und instrumentalisiert. Abgewehrt beispielsweise mit der Zuschreibung des Feminismus als vermeintlichen Ursache für den „Untergang des deutschen Volkes“. Wie so oft bilden antifeministische Narrative einen zentralen Bezugspunkt für antisemitische und rassistische Ideologien.
Statt einer emanzipatorischen gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung folgt eine Externalisierung des Problems. Antifeministen sind immer „die anderen“. Gleichzeitig werden feministische Bewegungen zum Feindbild erklärt, unsere Stimmen delegitimiert und Lebensrealitäten instrumentalisiert. Es ist ein Schlag ins Gesicht, wenn Kanzler Merz sich als Beschützer „der Töchter“ inszeniert, um seine rassistische Migrationspolitik zu rechtfertigen.
Wir lassen uns nicht vereinnahmen und setzen eurem antifeministischen Hass unsere Solidarität und Widerstand entgegen! Doch auch wir als Feminist:innen müssen uns davor hüten, Antifeminismus ausschließlich auf Seiten unseres politischen Gegners zu erkennen und anzuprangern: Es sind unsere Väter, Brüder, Freunde, Partner, Genossen, die uns als Flinta* die Gewalt des Patriarchats tagtäglich spüren lassen. Die Vorstellung, „linke Männer“, oder generell jene Männer, die uns nahestehen, seien grundsätzlich anders, ist eine gefährliche Illusion, von der es sich zu lösen gilt.
Wenn wir es ernst meinen mit dem Kampf gegen patriarchale Gewalt, dann kommen wir nicht umher, diejenigen zu benennen, die sie innerhalb des kapitalistischen Patriarchats ausüben: Männer töten Flinta*. Und ja: Man tötet nicht aus Liebe – aber Männer töten jene, die sie meinen zu lieben.
Männlichkeit ist ein von Grund auf instabiles Konstrukt. Jungen erleben früh, dass männliche Subjektivität nur über die Verkörperung völliger Unabhängigkeit und Kontrolle erreichbar ist. Um diesem Ideal gerecht zu werden, müssen sie häufig ihre erste Bindungsperson, die Mutter, innerlich abwerten. Diese Dynamik prägt später auch ihre Beziehungen. Nähe und Abhängigkeit werden oft als Gefahr für das eigene Selbst erlebt. So entsteht ein anhaltender innerer Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Autonomie und der Furcht vor emotionaler Abhängigkeit.
Unsere Kultur verstärkt dieses patriarchale Phantasma, in dem Autonomie mit Bindungslosigkeit und Souveränität verwechselt wird – statt mit der Freiheit, Beziehungen bewusst und gleichwertig gestalten zu können. In dieseny verzerrten Verständnis wird die Abwertung von Frauen zu einem Mittel, das fragile Gefühl männlicher Unabhängigkeit immer wieder zu bestätigen.
Es ist diese zerstörerische Vorstellung von Männlichkeit, die es zu bekämpfen gilt, anstatt sich von irgendwelchen vermeintlich neuen, positiven Männlichkeitsentwürfen blenden zu lassen. Denn auch wenn sie nicht offensiv als Dominanz zur Schau gestellt wird: Die männliche Position wird in unserer nach wie vor zutiefst patriarchalen Kultur zuverlässig belohnt. Es gelten für Männer andere Maßstäbe, was Verhalten und Rücksichtnahme angeht. Für Männer erscheint es oftmals sinnvoll, bestimmte Kompromisse mit Flinta* einzugehen, entsprechend der Werte und Erwartungen insbesondere einer linken Subkultur. Das Bekenntnis zum Feminismus und eine bestimmte feministische Performance sind daher häufig eher eine strategische Entscheidung, die die männliche Machtposition sichern sollen und werden genau dann wieder aufgegeben, wenn die eigene Machtposition in Frage gestellt wird.
Wir sind eure gespielte Betroffenheit und Solidarität Leid, die als Reaktion auf unsere Lebensrealitäten folgt und dann aufhört, wenn sich die gewaltausübenden Personen in euren Kreisen befinden.
Wenn wir unsere eigenen Strukturen nicht radikal hinterfragen – in der Szene, zwischen Genoss:innen, in Freund:innenschaften und in romantischen Beziehungen – Ja dann reproduzieren auch wir als Feminist:innen genau jene Bedingungen, die Gewalt ermöglichen, entschuldigen oder gar unsichtbar machen.
Wir fordern Konsequenz und Verantwortung. Wir fordern, dass Flinta* nicht nur dann ernst genommen werden, wenn es politisch bequem ist, sondern immer – gerade dann, wenn es unbequem wird, auch wenn es nah ist, auch wenn es notwendigerweise weh tun muss. Wir verlangen, dass sich aus einem ehrlichen Interesse mit patriarchalem Verhalten und Erleben auseinander gesetzt wird. Und diese Auseinandersetzung darf nicht die Form abstrakter Lippenbekenntnisse annehmen, sondern muss konkrete Praxis werden. Denn wie die Feministin Ingrid Strobl schon feststellte bedürfen wir „nicht so sehr der männlichen Genossen, die sich für [unsere] Freunde halten, als der männlichen Genossen, die bereit sind, zum Feind des Mannes zu werden.“
Und Dennoch: Neben all der Trauer, die wir über patriarchale Strukturen und die Gewaltverbrechen haben, der ständig spürbaren Zurichtung zu und als Frauen/Flinta* in einer patriarchalen Welt, stehen wir heute wieder hier: und wir sind wütend. Denn unser Kampf ist nicht verhandelbar – unsere Leben sind nicht verhandelbar. Lasst uns als Flinta* Räume schaffen für Austausch, für Gemeinsamkeit und Solidarität. In solchen Momenten kann sich unsere schmerzhafte Betroffenheit durch patriarchale Gewalt mit unserer gemeinsamen Vision einer besseren Zukunft verbinden, die es zu erkämpfen gilt.
Feministische Wut ist kein Problem. Sie ist die einzige Antwort.